no rest for the wicked

Oh night though was my guide
oh night more loving than the rising sun
Oh night that joined the lover
to the beloved one
transforming each of them into the other
(Loreena McKennitt, “The Dark Night of the Soul”)

Vollmond-Nacht, ich träume, als hätte ich Messer im Mund, war um 5 Uhr morgens im Bett und um 12:30 wach, wie beim Auftauchen aus einer Narkose.
Tagewerk; nie hatte ich weniger Zeit, als jetzt im Stand eines Rentners – die Welt hat sich zusammengezogen, ich ärgere mich manchmal über meine Zaghaftigkeit, dass ich offenbar statt früher 5500, nun nur einen Patienten zu betreuen habe, mich selbst, was ich mit aller Gründlichkeit den halben Tag mache. Überhaupt ist immer noch jeder Tag eine Übung, für die ich mich morgens zuerst bewaffnen muss.
Wer morgens erwacht, kann nicht tot sein, wo der Schmerz ist, ist das Leben.

Ich blute immer noch.
Und ich fühle, wenn ich einfach loslasse, wie eine Art Zwilling des blutenden Schmerzes meine Gefühle formt und lenkt und die Gestalten, Geliebte und Gehasste, neben mir, über mir, in mir ihre Spiele spielen, deren Regeln ich nie wirklich verstanden habe.
Subvokale Gebete kurz vor dem Wegdämmern: bitte, lass‘ es aufhören.

An der Kasse im Supermarkt steht ein gebeugter alter Mann von etwa 80 Jahren und fragt, ob man seinen Autoschlüssel gefunden habe; zufällig habe ich gesehen, wie ein Schlüssel abgegeben wurde und informiere ihn, wo er ihn zurück bekommt – leise beginnt er zu erzählen, dass er ja sonst nicht nach Hause komme, auf den Friedhof, wo seine Frau liege.
Das blonde, schöne Mädchen an der Kasse sieht seine Tränen und schaut mich fast flehend an – mit 19 Jahren denkt sie nur mit Grauen an Tod und Friedhof, und weinende Greise jagen ihr eine Heidenangst ein.
Ich führe den alten Mann sanft am Arm dorthin, wo er seinen Schlüssel bekommen wird und er verzögert jeden Moment, um – sicher nur einmal an diesem Tag – mit einem Menschen zu sprechen; den Rest der Zeit wird er auf dem Friedhof sitzen und mit dem Erdreich sprechen, unter dem seine Frau liegt; seine Tochter wohnt weit weg und kann nicht oft genug kommen.
„Es ist sehr schwer“, sagt er, „das Altwerden!“; und wir sehen uns in die Augen und entdecken uns ineinander.
Ja, denke ich, er und ich und das Mädchen an der Kasse, wir sind wie ein geronnenes Stück Leben, drei Generationen – eine beginnt erst ins Leben zu gehen, eine füttert die streunenden Katzen an den Grabsteinen und eine steht dazwischen.

Wasser des Lebens bin ich, ausgegossen für dürstende Menschen.